Im September 1988 habe ich mich schrecklich über die Titanic geärgert. Wie konnten die meinen Lieblingsmoderator Thomas Gottschalk so reinlegen? An Stiften zu lutschen und schummeln – gemein! Damals war ich allerdings auch erst zehn Jahre alt und konnte daran überhaupt nichts Komisches finden. Heute ärgere ich mich über die FAZ, die mich zum Verbreiter einer Ente gemacht hat. Und ja, ich hätte es merken können, habe aber Satire nicht als Satire erkannt. Das lang auch daran, dass das Feuilleton der FAZ nun nicht der klassische Ort für Humor ist. Und selbst im Nachhinein kann ich daran überhaupt nichts Komisches finden. Aber der Reihe nach: Ich saß gestern auf der Couch und sah im Fernsehen den Eurovision Song Contest. Eigentlich ziemlich lahm, aber auf dem “Second Screen” lief die Twitter-Timeline, das war durchaus unterhaltsam. Dann dazwischen ein Tweet über das neue Grass-Gedicht, das angeblich von der Titanic in der SZ platziert worden sei. Ich las den Text flüchtig und twitterte dann:
Hahahaha!! #Grass-Gedicht aus der SZ ist von der #Titanic! Großartig! Ich kann nicht mehr. m.faz.net/aktuell/feuill…
— Torsten Beeck (@TorstenBeeck) Mai 26, 2012
Fünf Minuten später war dieser Tweet bereits mehr als 50 Mal retweetet worden, unter anderem auch von ein paar Twitter-Größen, mit ordentlicher Reichweite. Aber dann kam folgende Reply von Bov Bjerg:
@TorstenBeeck (Ich befürchte, du beförderst Weidermanns Satire-Versuch in der FAZ zu einer Ente.)
— bov bjerg (@bov) Mai 26, 2012
Also habe ich den Text noch einmal gelesen und dann ist es mir aufgefallen: das kleine Wörtchen “hätte” im Anlauftext, das ich beim ersten Lesen komplett ignoriert hatte. Denn danach geht es ganz ohne Konjunktiv weiter. FAZ-Redakteur Volker Weidermann schreibt:
Dem Satiremagazin „Titanic“ ist es gelungen, ein Gedicht unter dem Namen „Günter Grass“ im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ zu platzieren.
Und da die twitschernde Ente aus Sack war, blieb mir nur die Richtigstellung übrig:
Ente: Nix Titanic, nur eine Glosse, die man zumindest auf der Mobile-Seite nur schwer erkennt. Sorry. #Grass#Titanic#Argh
— Torsten Beeck (@TorstenBeeck) Mai 26, 2012
Aber selbst jetzt, einen halben Tag später, bekomme ich noch Retweets auf das Original-Posting. Insgesamt wurde der Tweet mehr als 180 Mal retweetet und 64 Mal favorisiert, er wurde nach etwa einer Stunde zum “Top-Tweet” in Deutschland, was seine Verbreitung noch steigerte. Ich ärgerte mich zunächst über mich selbst, dass ich nicht genauer gelesen hatte, aber inzwischen ärgere ich mich auf über die FAZ, die eine Satire veröffentlicht, die als Satire kaum erkennbar war. Und da eine Menge Kollegen und grundsätzlich kritische Menschen ebenfalls auf den Text hereingefallen sind, bin ich etwas beruhigter, nicht der einzige Dumme zu sein.
Breaking: „Titanic“ ist es gelungen, ein Gedicht unter Günter Grass’ Namen in der „Süddeutschen Zeitung“ zu platzieren ku-rz.de/1why
— Marcus Schwarze (@homofaber) Mai 26, 2012
Ich habe in den letzten Stunden extrem viele @-Replies geschrieben, um den Irrtum aufzuklären, auch Post vom SZ-Chefredakteur Stefan Plöchinger war dabei, der durch meinen Tweet auch einen ziemlich unruhigen Sonntagmorgen hatte – sorry dafür.
@mlochmann @TorstenBeeck Stimmt nicht, die FAZ macht bloß in Satire. Wie Titanic.
— Stefan Plöchinger (@ploechinger) Mai 27, 2012
Die Diskussion auf Twitter bleibt weiter spannend, denn in der Printausgabe der FAS ist der Text gar nicht mehr als Satire zu erkennen. Der Online-Anlauftext fehlt nämlich ganz, wie das Foto von Dorin Popa zeigt. Der satirische Text findet unter der Rubrik “Nachrichten”.
In der FAS steht die mißglückte Grass-Flunkerei unter “Nachrichten” ganz ohne relativierenden (“hätte”) Vorspann twitter.com/NiceBastard/st…
— Dorin Popa (@NiceBastard) Mai 27, 2012
Mir ist nicht ganz klar, was die Kollegen aus Frankfurt mit der Geschichte bezwecken. Sie haben zumindest eine Menge Verwirrung gestiftet und auch die eigene Reputation nicht gerade befördert. Bin gespannt, ob sich die FAZ auch noch einmal dazu äußert. Ich bin zumindest ein wenig sensibilisiert, was das Verbreiten von ungeprüften Informationen angeht – und das kann einem Journalisten ja grundsätzlich nicht schaden.
Update, 27.5.12
15:03 Uhr
Inzwischen liefert auch die dpa eine Meldung zu der Geschichte Grass/Titanic. Nur mit dem Zitieren klappt es nicht so richtig. “Hieß es am Abend beim Kurznachrichtendienst Twitter” bedeutet doch “Quelle: Internet”, oder?
22:21 Uhr
Spiegel Online nimmt die Geschichte ebenfalls auf. Auch Kollege Ole Reißmann findet den Humorversuch der FAZ nicht besonders gelungen.
Update, 29.5.12
12:12 Uhr
DRadio Wissen fasst die Geschichte in seiner Webschau noch einmal zusammen und verweist dabei auch auf diesen Beitrag.
14:20 Uhr
Auch Meedia greift das Grass-Thema auf : Die “Unfähigkeit der FAZ zur Kommunikation” und zitiert dabei auch SMR.
22:17 Uhr
Der oben verlinkte Kollege Marcus Schwarze hat seine Sicht der Grass-Titanic-Geschichte für die Rhein-Zeitung aufgeschrieben.
22:29 Uhr
Sehr lesenswerter Kommentar in der Stuttgarter Zeitung von Julia Schröder, die meint, Autor Weidermann habe die um sich greifende Auffassung befeuert, die Welt könne auf verlässliche Qualitätsmedien ganz gut verzichten.
So ziemliche “Anzeichen von Grassphobie” die da einige Journalisten an den Tag legen oder legen müssen. Für Günter Grass sicherlich ein riesen Erfolg, jedes Gedicht von setzt ganze Horden von Neidern und Eiferer in Aufruhr.
) Harry Gambler
Mit seinen zwei Gedichten: “Was gesagt werden muss” und “Europas Schande” hat Günter Grass sich nicht nur zum Sprachrohr für wichtige gesellschaftliche Themen gemacht, sondern er hat das Gedicht als Medium der “freien Meinungsäußerung” aus seinem Jahrthundertschlaf geweckt.
Und nun sind alle wach, mal gespannt, was er als nächstes Thema aufgreift?
Mon dieu, wären nicht alle so brav und pflichtbewußt darauf aus, dem bösen Nobelpreisträger eins ‘reinzudrücken, gäb’s viel weniger peinliche Unfälle an der Ecke. Aber da nun der Titanic jede Schlechtigkeit zuzutrauen ist: auch ich wäre darauf hereingefallen …
Das kommt daher, dass FAZ-Chef Schirrmacher bei jeder Gelegenheit auf die SZ draufhaut, besonders gerne auf das Literatur-Ressort, weil dort Redakteure arbeiten, die von der FAZ zur SZ geflüchtet sind. Und Weidermann ist ein treuer Diener seines Herrn. Weil er keinen Humor hat, sondern eher brachial begabt ist, kommt es dann zu derartigen Ausrutschern, die für Verärgerung bei den Lesern sorgen. Peinlich!
Warum twittern eigentlich nur die Dümmsten und Inkompetentesten?
Meiner Meinung nach ist dies der Versuch der Faz, sich nicht inhaltlich mit dem Text auseinandersetzen zu müssen. Denn Grass tut das, was die Politik nicht tut: Auf den Menschen zu sehen (=11 Mio Griechen).
-Also dass soll wohl hier Ehrlichkeit und Reue sein. Wenn es die titanic gewesen wäre, die das Gedicht der SZ unter falschem Namen geliefert hätte, so hätte der Autor der twitter Nachricht die Aufmerksamkeit genossen, es als erster posaunt zu haben. Nun war es nicht die titanic, und der Autor hat etwas Falsches posaunt. Und er klagt die FAZ an, ihn in die Irre gefuehrt zu haben. Aber die SZ und Grass haben wohl alles richtig gemacht, ein komplexes Gebiet mit dem Holzhammer in gedankliche Form zu bringen, ja?-
Ich war sicher nicht der Erste, der das getwittert hat (steht auch im Text), aber mein Tweet wurde bisher 4.300 angeklickt, das schafft halt eine gewisse Reichweite. Und ja, Journalisten freuen sich immer, wenn sie schneller sind als andere.
Für mich ist die Kritik der FAZ einfach in die falsche Richtung gelaufen, weil sie nicht als Kritik, Satire oder sonstwas erkennbar war. Wenn man so einen Text unter “Nachrichten” einordnet und man das online auch nicht im Kontext einer gelayouteten Seite wahrnimmt, ist das einfach merkwürdig. Ich will kein “Achtung, Satire”, aber der Text lässt eben nicht erkennen, dass das witzig gemeint ist. Ich bin mir sicher, dass viele FAS-Leser das am sonntäglichen Frühstückstisch gelesen und weitererzählt haben – ganz ironie- und satirefrei.
Journalisten freuen sich auf Twitter so sehr, der Erste zu sein, dass das Hirn offenbar in die Tippfinger rutscht. Wenn man mal kurz drüber nachdenkt, wie dieser Vorgang abgelaufen sein soll, dann kommt jeder auf die Idee, dass die Süddeutsche ganz sicher nicht einen Text von irgendwem anders als Grass als Grass-Gedicht publizieren wird, das ist komplett absurd. In der Printausgabe traut die FAZ es ihren Lesern sogar zu, das ohne den Teaser-Text zu kapieren, fürs Internet hat man wenigstens noch einen Disclaimer eingebaut und es haben trotzdem die Hälfte nicht verstanden. Schade.
Wer meint, dass das ja absolut eindeutig als Satire zu erkennen gewesen sei, empfehle ich mal bei den Kollegen weiterzulesen.
Marcus Schwarze für die Rhein-Zeitung: http://msc.rhein-zeitung.de/?p=18740
Julia Schröder in der Stuttgarter Zeitung: http://m.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kommentar-zur-grass-satire-dichtung-und-wahrheit.e2999039-ed32-48c7-a048-9c834d03dad9.html